Die deutsche Literaturgeschichte.

Was trägt sie nicht alles mit und in sich. Epochale Brillanz, kulturelle Bedeutung und auch das: bräsigen Ballast für ganze Gymnasiasten-Generationen. Sie quälten sich durch Schillers Glocken-Pathos, stammelten Anette von Droste-Hülsoffs Knaben im Moor, konnten sich nie ihre sechs Vornamen merken, lernten fleißig veritable Interpretationen des Zerbrochenen Krugs auswendig und simulierten Empathie für Kleists wackere Lyrik.

Ein Element der deutschen Literaturgeschichte blieb ihnen verborgen, kam im Unterricht schlicht nicht zur Sprache: Viele, sehr viele Schriftsteller und Granden der deutschen Literaturgeschichte waren Juden.

Fangen wir mit Heine an?

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Heinrich Heine. Mehr oder weniger der bedeutendste deutsche Dichter des 19. Jahrhunderts. Und was für ein Romantiker. Ein „Must read“: Sein „Buch der Lieder.“ Der latent fühlbaren Schwerblütigkeit des deutschen Obrigkeitsstaates setzte er sprachliche Eleganz und inhaltliche Leichtigkeit entgegen. Prompt wurde er zensiert, fiel in Ungnade und ging, mit grimmiger Verzweiflung, nach Frankreich ins Exil. Seine Empfindung wird nirgends deutlicher als in der ersten Strophe seiner „Nachtgedanken.“

Denk ich an Deutschland in der Nacht,/ Dann bin ich um den Schlaf gebracht,/ Ich kann nicht mehr die Augen schließen,/ Und meine heißen Tränen fließen.

Heines feinsinniger Widerstand gegen kleinliche Grenzziehungen in Literatur und Kultur bereitete vielen Gymnasiasten einen vergnüglichen Seelenkomfort.

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Ludwig Börne. Schriftsteller. Und Journalist. Und Publizist. Und Vorkämpfer für Demokratie und Freiheit.

 

„Im Dienste der Wahrheit genügt es nicht, Geist zu zeigen, man muss auch Mut zeigen.“

 

Börne kämpfte mit geschliffenem Witz gegen Zensur und Kleinmut. Dass heute jede Tageszeitung mit größter Selbstverständlichkeit eine Rubrik Feuilleton hat, ist vor allem Börne und seiner literarischen Kritik zu verdanken.

Man wünscht sich, dass sich Abgeordneten des Bundestages mehr mit Börne befassen würden. Seine Erkenntnis ist heute von gewaltiger Wucht.

„Die Lebenskraft eines Zeitalters liegt nicht in seiner Ernte, sondern in seiner Aussaat.“

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Walter Benjamin

Gerade heute lesenswert ist sein Aphorismenband „Einbahnstraße.“ Manche nannten die einzelnen Texte der Einbahnstraße philosophische Lesestücke, er selbst nannte sie Denkbilder. Spätere Literaturexperten hatten ihre Mühe, eine anerkannte Zuordnung zu finden. Dass sie dabei gründlich scheiterten, zeigt sich am Spektrum ihrer Versuche: Surrealismus wird der Einbahnstraße ebenso unterstellt wie Satire, Philosophie ebenso wie Adornos Interpretation, die Technik des Werkes sei der des Spielers verwandt. In neuerer Zeit brachte der Deutshlandfunk Walter Benjamins Genie auf eine knappe

Formel: „Ein Sprachmagier war er auf jeden Fall.“

 

Walter Benjamins Schriften zu lesen und seinen Gedanken zu folgen, verlangt Rechenleistung im Gehirn. Ein Aufwand, der heute wahrhaft besorgniserregend überwunden zu sein scheint. Seine Bedeutung zeigt sich im Vergleich. Während Martin Walser mit Worten gurgelnd und mit sprachlichen Effekten blendet, zaubert Walter Benjamin die deutsche Sprache zu kunstvoll dimensionierter Höhe.

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Alfred Döblin

Am bekanntesten wohl sein historischen Roman Wallenstein und sein Stadtroman Roman Berlin Alexanderplatz.  Weniger bekannt: Alfred Döblin war auch ein hervorragender Arzt und als solcher diente er im ersten Weltkrieg an der blutigen Westfront. Zahlreiche verdanken ihm sein Leben.

Sein Talent reichte von Romanen über Novellen und Erzählungen bis hin zu satirischen Essays und Polemiken. Mehr noch – die deutsche Literatur verdankt ihm einen avantgardistischen Impuls und mehr oder weniger den Aufbruch in die literarische Moderne.

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Alfred Döblin meldete sich freiwillig als Militärarzt an die Westfront.

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Egon Erwin Kisch

Seinen spitznamigen Titel „Rasender Reporter“ wird Egon Erwin Kisch auch in 100 Jahren nicht los. Und, ja, eher zu Recht als zu Unrecht. Aber war er nun Schriftsteller oder Journalist? Die Antwort könnte klarer nicht sein: Er war definitiv beides. Und lebte mindestens ein Dutzend Leben: Streitbarer schlagender deutschvölkischer Burschenschaftler, unbeugsamer Rekrut, der sich mit schikanierenden Vorgesetzten anlegte, Soldat im ersten Weltkrieg mit schwerer Verwundung an der russischen Front, Revolutionär, Reporter in Algerien, Tunesien, USA, Russland, Spanien, China und Zentralasien oder als Leichtmatrose auf einem Frachter.

Mit gutem Gewissen empfehlen kann man seine Reportagebände „Aus Prager Gassen und Nächten“ und „China geheim,“  seinen Roman „Der Mädchenhirt“, seine Erzählung „Die Himmelfahrt der Galgentoni“, seine Reportage „Prager Pitaval und seine Satire „Die Reise um Europa in 365 Tagen.“

Sehenswert seine Komödie „Die gestohlene Stadt.“

Kisch war wahrhaft unerschrocken. Als Soldat, als investigativer Journalist, als Kämpfer gegen den Faschismus und, ja auch, als Abenteurer. Als man ihm bei seiner Ankunft in Australien verweigerte, von Bord eines Passagierschiffes zu gehen, sprang er prompt sechs Meter tief von der Reling, brach sich ein Bein, wurde verhaftet und schaffte es mit Hilfe begeisterter Australier frei zu kommen.

Auf der Flucht vor den Nazischergen gelangte er nach Mexiko, wo er sofort einen anspruchsvollen Kreis mit Exilliteraten aufbaute.

Der rasende Reporter konnte scharf beobachten, recherchierte mit leidenschaftlicher Präzision und berichtete analytisch tief dimensioniert.

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Wer heute mit gehässigen Kommentaren eines Jakob Augstein konfrontiert wird, mit aufwändig finanzierten aber inhaltlich belanglosen Reportagen der öffentlich-rechtlichen Medien oder mit den manipulativen Berichten einer Süddeutschen Zeitung, kann nach der Lektüre von Egon Erwin Kisch erahnen, welchen Verlust Deutschlands Literatur und Journalismus erleiden musste.

Die Erfahrungen seiner aufregenden Biografie, seine Konfrontationen mit Dummheit und Weisheit, mit großartiger Freundschaft und gehässigem Mittelmaß in der Politik mündeten nicht in einen weiten Erkenntnishorizont, sondern in Erstaunen

"Bin ich in einer chinesischen Landschaft? In einem von Jules Verne erdachten Land im Innern der Erde? Bei der Wasserpantomime eines komischen Zirkus? Alles, was ich sehe, ist unbegreiflich und wird noch unbegreiflicher, da ich zu begreifen beginne."

Zur Erinnerung: Wir haben mit Heinrich Heine angefangen, aber hören mit Egon Erwin Kisch natürlich nicht auf. Jede Woche stellen wir einen weiteren deutsch-jüdisch-literarischen Meister vor.

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Nachdenkenswert sind Kafkas Zitate. Manche weit dimensionierte Aphorismen, andere nur brillant prophetisch.

Franz Kafka

Wo soll man bei einem Titanen der Weltliteratur anfangen? Wenn man es nicht besser weiß, hält man sich am besten an die etablierte deutsche Literaturgschichte. Also stehen auch hier im Vordergrund „Das „Urteil“, „Das Schloss“, „Der Prozess.“ Und dahinter warten dutzende weiterer „must read“ Erzählungen und Romanfragmente.

 

Welchen Eindruck Kafka bei seinen Lesern hinterlässt und welchen Einfluss er auf die deutche Literaturgschichte nimmt, zeigt sich im Adjektiv „kafkaesk“. Es gibt kein „böllesk“, kein „grassesk“ und auch  kein „grillparzeresk.“ Und es wird nie, trotz durchaus markanter Gehässigkeit, kein „augsteinesk“ geben.

 

Aber „kafkaesk“ gibt es, sogar im Duden, mit multiplen Interpretationen, doch jeder weiß diffus, was damit gemeint ist.

Man sieht die Sonne langsam untergehen und erschrickt doch, wenn es plötzlich dunkel ist.

Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.

Nicht biegen; verwässere es nicht; versuche es nicht logisch zu machen. Bearbeite nicht Deine eigene Seele auf die Art und Weise der derzeitigen Mode. Folge stattdessen Deinen heftigsten Obsessionen gnadenlos. 

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Mit seiner Erzählung „Rheinsberg: Ein Bilderbuch für Verliebte“ prägte Tucholsky einen als frisch und leicht erotischen Stil, mit dem er sich gegen weit verbreitete Prüderie stemmte. Diese Linie setzt sich fort bis zur Erzählung „Schloß Gripsholm“

Kurt Tucholsky

1.470.000 Einträge bei Google. Und hätte er nicht unter mehreren Pseudonymen publiziert, darunter „Kaspar Hauser“, „Peter Panter“ oder „Theobald Tiger“, käme womöglich noch eine Null dazu.

 

Tucholsky war ein furchtloser Kritiker seiner Zeit. Schon als 17-jähriger mokierte er sich in der Satirezeitschrift „Ulk“ über Kaiser Wilhem II. Kunstgeschmack. Schonungslos kritisierte er das Versagen der SPD in der Weimarer Republik.

„Steh einmal auf! Schlag mit der Faust darein!
Schlaf nicht nach vierzehn Tagen wieder ein!
Heraus mit deinem Monarchistenrichter,
mit Offizieren – und mit dem Gelichter,
das von dir lebt und das dich sabotiert
an deine Häuser Hakenkreuze schmiert.“

In seiner „Weltbühne“ griff er scharf die reaktionäre Justiz an

„Das ist keine schlechte Justiz.

Das ist keine mangelhafte Justiz.

Das ist überhaupt keine Justiz.

Kurt Tucholsky war ein überragender Schriftsteller, ein Kämpfer für Menschenrechte und Demokratie und ein politischer Prophet. Er warnte vor der Machtergreifung der Nazis, bis er erschöpft resignierte und sich als „aufgehörter Deutscher“ und „aufgehörter Dichter“ bezeichnete.

In einem Brief an Arnold Zweig  beklagte er den ausgebliebenen Widerstand der deutschen Juden gegen das NS-Regime. Eine posthume Mahnung?

Sein Tod 1935 ersparte ihm zu erleben, dass seine hochbetagte Mutter im Alter von 82 Jahren im KZ Theresienstadt von der SS ermordet wurde.

Was bleibt, wirklich unvergänglich bleibt, ist sein sophistischer Humor.

„Wenn ich jetzt sterben müßte, würde ich sagen:

»Das war alles?« –

Und: »Ich habe es nicht so richtig verstanden.«

Und: »Es war ein bißchen laut.«

Wir brauchen mehr Tucholsky und weniger ZDF